Hufrehe bei einem Traber- was steckt dahinter?

Vorstellig wurde ein 16 Jahre alter Traber- Wallach, welcher seit 24 Stunden Bewegungsunlust, Steifheit und Schwäche zeigte. Der Besitzer berichtete außerdem, dass das Pferd in den letzten Monaten Gewicht verloren hätte. Den Hofmitarbeitern nach, hat er vermehrt getrunken und mehr Harn abgesetzt als gewöhnlich (sie berichteten, die Sägespäneneinstreu in der Box sei in der letzten Woche morgens komplett durchnässt). Tagsüber war das Pferd auf dem kleinen Graspaddock unauffällig.

Das Pferd wurde vor 2 Jahren übernommen, Vorerkrankungen und Auslandsaufenthalte waren unbekannt.

 

Klinische Untersuchung

Die klinische Allgemeinuntersuchung ergab folgende Befunde: body condition score 4/9. Das Pferd zeigte eine sägebockartige Haltung, die Vordergliedmaßen waren weit nach außen gestellt und die Hintergliedmaßen standen weit unter dem Körper (Abb. 1).

 

Das Pferd verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Beide Vorderfüße waren warm und  es war eine starke Pulsation der Arterien bis in die Fesseln zu spüren. Die Herzfrequenz betrug 52 Schläge/Minute (RB 30-40 Schläge/Minute) und die Atemfrequenz 12 Züge/Minute (RB 8-16 Züge/Minute). Die Rektaltemperatur lag bei 38,2°C (RB 37,5-38,5°C). Die Schleimhäute waren pink und die kapilläre Rückfüllungszeit war < 2 Sekunden bei regelmäßigem Puls. Darmmotalität war auskultatorisch vorhanden. Die Hornwände zeigten Wachstumsringe, welche darauf hinweisen könnten, dass das Pferd in der Vergangenheit schon mal an Hufrehe litt (Abb. 2).

Abb. 1: Abnormaler Stand
Abb. 2: Wachstumsringe am Huf

Weitere Untersuchungen

Hämatologie und Blutchemie

Es wurden ein Blutbild und eine Blutchemie durchgeführt. Die Ergebnisse sind in Tabelle 1 und 2 zusammengefasst.

Tabelle 1: Blutbild- Ergebnisse
Tabelle 2: Blutchemie- Ergebnisse

Was ist Ihre Interpretation der Blutbild- Ergebnisse?

Geben uns die Ergebnisse der Blutchemie Hinweise für eine Diagnose?

Was sind Ihre Differentialdiagnosen für die Befunde der klinischen Untersuchung und der Laboruntersuchungen?

Welche weiterführenden Tests würden Sie zur Bestätigung Ihrer Diagnose durchführen?

Was ist Ihre Interpretation der Blutbild-  Ergebnisse?

Die milde normozytäre, normochrome Anämie spiegelt wahrscheinlich eine Anämie der chronischen Entzündung wieder.

Eine geringgradige Neutrophilie mit Lymphopenie sprechen für eine Reaktion auf endogene oder exogene Steroide (Stressleukogramm).

 

Geben uns die Ergebnisse der Blutchemie Hinweise für eine Diagnose?

Die milde Erhöhung der y- GT und AP sind vermutlich einer leichten Leberschädigung geschuldet.

Eine erhöhte Glukosekonzentration kann auf endokrine Erkrankungen hinweisen, kann aber auch durch vorangegangene Futteraufnahme bedingt sein.

 

Was sind Ihre Differentialdiagnosen für die Befunde der klinischen Untersuchung und der Laboruntersuchungen?

Equines Metabolisches Syndrom (EMS): Auch wenn dieses Pferd nicht übergewichtig ist, eine Insulindysregulation ist nicht immer zwangsläufig mit Adipositas verbunden und auch bei schlanken Phenotypen möglich.

 

Equines Cusing Syndrom (ECS/PPID): Haarkleidveränderungen, wie langes, lockiges Haarkleid (Hirsutismus) können beim ECS vorkommen, aber nicht jedes Pferd zeigt dieses Symptom.

 

Diabetes mellitus: Kommt bei Pferden selten vor, es sind einige Fälle beschrieben.

 

Welche weiterführenden Tests würden Sie zur Bestätigung Ihrer Diagnose durchführen?

Eine Röntgenuntersuchung und eine Bestimmung von Insulin und ACTH sowie eine Harnuntersuchung.

 

Röntgenuntersuchung

Die Ergebnisse der Röntgenuntersuchung bestätigten die Rotation und das Absenken des Hufbeins (bestehende Hufrehe).

 

Harnuntersuchung

Es wurde Harn gewonnen und eine Harnuntersuchung durchgeführt. Die Ergebnisse sind in Tabelle 3 zusammengefasst.

 

Insulin und ACTH (Tab. 4)

Tabelle 3: Ergebnisse der Harnuntersuchung
Tabelle 4: Insulin und ACTH- Ergebnisse

Die Ergebnisse der Harnuntersuchung waren normal und ein Diabetes mellitus wurde ausgeschlossen.

Das Probenmaterial für den ACTH Test wurde Mitte Februar gewonnen, die Referenzbereiche wurden aufgrund saisonaler Schwankungen dahingehend angepasst. Die ACTH Konzentration war erhöht, es wurde die Diagnose Equines Cuhing Syndrom (ECS/PPID) gestellt.

Außerdem lag ein erhöhter Insulinspiegel vor.  Eine Hyperinsulinämie ist vermutlich eine der wichtigsten pathophysiologischen Merkmale einer Insulinresistenz bei Pferden. Eine Insulinresistenz oder- dysregulation spielen eine zentrale Rolle beim Equinen Metabolischen Syndrom. Dennoch kann eine anhaltende Hyperinsulinämie viele weitere Ursachen haben und kann nicht immer mit dem Equinen Metabolischen Syndrom erklärt werden.

Eine verminderte Insulin- Clearance in der Leber kann ebenfalls zu einer Hyperinsulinämie führen. Über 70% des aus den ß- Zellen des Pancreas sekretierten Insulins wird normalerweise über den Portalkreislauf der Leber verstoffwechselt.

Hufrehe verbunden mit einer Insulindysregulation kann in Verbindung mit Glukokortikoidgaben oder einer PPID entstehen.

In diesem Fall ist die Insulindysregulation am wahrscheinlichsten durch den hohen ACTH Spiegel als Folge einer PPID hervorgerufen worden.

Diagnose: PPID und gleichzeitige Hufrehe aufgrund einer Insulinresistenz.

Therapie und Verlauf

 

Pergolid ist das Mittel der Wahl zur Therapie von PPID bei Pferden. In diesem Fall wurde initial mit einer Dosis von 2 µg/kg (1mg/500kg) begonnen.

Das weitere Vorgehen wurde mit dem Hufschmied besprochen und es wurde ein spezieller Rehebeschlag für das Pferd angefertigt.

Das Pferd wurde zusätzlich auf eine Diät gesetzt, da sich sie Insulin Sensitivität durch den Verzicht auf Stärke und Zucker verbessern kann. Es wurde alle 12 Stunden Heu gefüttert, welches vorher für 30 Minuten in kaltem Wasser eingeweicht wurde um den Zuckergehalt zu reduzieren. Der Zugang zur Weide wurde auf 1-2 Stunden täglich reduziert. Zusätzlich wurden alle Leckerlies, insbesondere Zuckerwürfel weggelassen.

Die Behandlung zeigte in den ersten 30 Tagen Erfolg. Das Verhalten des Pferdes verbesserte sich und die Aktivität nahm zu (trotz der Boxenruhe). Auch die PU/PD ging zurück. Die Hufrehe heilte gut, und auch eine Kontrolle der Laborparameter zeigte Besserung. Alle Parameter, inklusive Insulin, waren im Referenzbereich.

Dem Besitzer wurde angeraten, die Therapie beizubehalten und das Pferd in 6 Monaten zur Kontrolle vorzustellen, und ggf. die Therapie an die Jahreszeit adäquat anzupassen.

 

Zusammenfassung:

Die PPID ist eine der häufigsten Erkrankungen bei Pferden über 14 Jahren. Die klinischen Symptome sind mit einer abnormalen Erhöhung von ACTH im Blut assoziiert. Ursächlich dafür ist eine pathologische Vergrößerung des Mittellappens der Hypophyse (pars intermedia), was in einer Überproduktion von Hormonen resultiert. Die Vergrößerung der Hypophyse wird oft als Hypophysenadenom bezeichnet.

Die häufigsten Symptome bei PPID sind: Hirsutismus (nicht immer präsent- wie in diesem Fall), Muskelschwund, Hufrehe, PU/PD, Lethargie, Fettumverteilung und eine vermehrte Anfälligkeit für Infektionen.

Pferde mit PPID können Anzeichen einer Insulinresistenz aufweisen. Als Insulinresistenz wird das Versagen von Gewebe bezeichnet, angemessen auf Insulin zu reagieren. Eine Insulinresistenz kann zu Gewichtsverlust (hauptsächlich Verlust von Muskelmasse), PU/PD und zu einer erhöhten Anfälligkeit für andere Erkrankungen führen.  

Kürzlich wurde in einer Studie (Baskerville et al 2018)  eine starke Assoziation zwischen Hyperinsulinämie und Hufrehe beschrieben. Es wurde gezeigt, dass Insulin lamellare Epithelzellen aktiviert, was einen proliferativen Effekt hat und ursächlich für die Hufrehe sein könnte.

Weitere Studien müssen durchgeführt werden.

Schlussfolgerung: Wenn ein Pferd mit klinischen Anzeichen wie Hufrehe, Gewichtsverlust, PU/PD aber ohne Hirsutismus und Übergewicht vorgestellt wird, müssen PPID zusammen mit einer Insulinresistenz als Differentialdiagnosen in Betracht gezogen werden.

 

Referenzen:

Durham, A.E.; Frank, N. ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. J. Vet. Intern. Med.2019, 33, 335–349

Baskerville CL, Chockalingham S, Harris PA, Bailey SR. The effect of insulin on equine lamellar basal epithelial cells mediated by theinsulin-like growth factor-1 receptor. PeerJ. 2018;6:e5945

McFarlane D. Equine pituitary pars intermedia dysfunction. Vet Clin North Am Equine Pract. 2011;27(1):93–113

Durham et al. Pituitary pars intermedia dysfunction and pituitary gland hyperplasia. J. Am. Vet. Med. Ass. 231, 417-426