Ausgewählte Infektionskrankheiten beim Kaninchen – was ist machbar, was ist wichtig?

Die Diagnose von Infektionskrankheiten bei Kaninchen ist nicht immer einfach. Zum einen zeigen Kaninchen erst spät klinische Symptome und zum anderen werden sie dem Tierarzt oft zeitverzögert vorgestellt. Gerade die Aufarbeitung von Infektionskrankheiten mit unspezifischen Krankheitssymptomen stellt den Praktiker vor eine Herausforderung. Der erste Schritt ist die ausführliche Anamnese. Hierbei sollten Haltung (Einzel- oder Gruppenhaltung), Alter, Impfstatus und besondere Ereignisse erfragt werden. Eine umfassende klinische Untersuchung und eine allgemeine Blutuntersuchung sind genauso essentiell wie die labordiagnostische Abklärung der Infektion selbst. Probenmaterial und Nachweisverfahren sind abhängig von der vermuteten Infektion. Im Folgenden werden einige ausgewählte Infektionskrankheiten mit unspezifischen, respiratorischen und/oder vorwiegend gastrointestinalen Symptomen näher beleuchtet. Die wichtigsten Fakten sind der besseren Übersicht halber tabellarisch dargestellt.

Infektionen mit unspezifischen Symptomen

Bei Patienten mit unspezifischen Symptomen wie Apathie, Lethargie und Anorexie oder bei plötzlichen Todesfällen ist es oft schwierig, diese direkt mit einem spezifischen Infektionserreger in Verbindung zu bringen. Typische letal verlaufende Infektionskrankheiten dieser Kategorie sind die Rabbit Haemorrhagic Disease (RHD) und die Tularämie.

Tularämie
Die Tularämie ist zwar selten, aktuelle Fälle in Deutschland und ihr zoonotisches Potential rücken sie aber immer wieder ins Rampenlicht. Bei der Tularämie, auch „Hasenpest“ genannt, handelt es sich um eine meldepflichtige bakterielle Zoonose (Erreger Francisella tularensis). Reservoir in Deutschland sind v.a. Feldhasen. Kaninchen, Nagetiere, Eichhörnchen und Wildwiederkäuer können aber ebenfalls infiziert sein.

Trotz der niedrigen Inzidenz bei Menschen (17 – 72 Fälle pro Jahr in Deutschland [1]) ist die Tularämie auch beim Menschen meldepflichtig (§7 Abs. 1 IfSG) und gilt als Berufskrankheit von Jägern und Personen, die mit Hasen handeln oder diese zu Lebensmitteln verarbeiten [1]. Wegen der geringen infektiösen Dosis von 10 – 50 (!) Erregern, des teilweise schweren Verlaufs und der guten Heilungschancen bei frühzeitigem Therapiebeginn beim Menschen sollte bei Verdacht zeitnah ein Nachweis durchgeführt werden. Die Infektion des Menschen erfolgt oronasal, konjunktival oder über Haut- oder Schleimhautverletzungen. Quellen sind das Ausnehmen des Schlachtkörpers, kontaminierte,
unzureichend erhitzte Lebensmittel, kontaminiertes Wasser, Aerosole sowie Stiche/Bisse von Arthropoden (Zecken, Mücken, Bremsen). Zu den typischen klinischen Symptomen beim Menschen gehören: unspezifische, grippeartige Symptome, Hautulzerationen, Lymphknotenschwellung und -vereiterung, Fieber, Bindehautentzündung und Lungenentzündung. Eine Therapie mit Aminoglykosiden, Fluorchinolonen, Tetracyclinen, Chloramphenicol oder Rifampicin wird empfohlen [2]. Zur Prophylaxe beim Menschen gehört: Vermeiden von ungeschütztem Kontakt zu Wildtieren, Einhalten der Arbeitshygiene bei Umgang mit erkrankten oder toten Wildtieren und Wildbret, Wildgerichte nur gut durchgegart verzehren.

Tabelle 1: Steckbrief Tularämie bei Kaninchen und Hasen [1, 3 – 5]

TularämieDaten und Fakten
Erreger• Francisella tularensis, Fam. Francisellaceae (y-Proteobakterien)
• gramnegatives, unbewegliches, pleomorphes Stäbchenbakterium
• Wirtsspektrum: v.a. Hasen (Reservoir: Nagetiere u.a.); Zoonose! Meldepflichtig!
AnsteckungIKZ: 3 – 5 (14) Tage [2, 3]
• Stechinsekten, Zecken
AusscheidungSekrete und Exkrete
• Vektor: Zecken (Beherbergung über Monate, Erregervermehrung und transovarielle Übertragung
[4]), Bremsen, Mücken
Klinikmild – letal
• akuter Verlauf: Apathie, Fieber, Tachypnoe, Fellsträuben, Verlust der Scheu, Lymphknotenschwellung,
Durchfall, Erbrechen, Dyspnoe, Sepsis [1]
• chronischer Verlauf: Abmagerung, Milz-, Leberabszesse [5]
Verlauf• mild bis schwer (tödlich), Verenden meist nach 2 – 13 d durch Sepsis
Diagnose• Verdacht: Klinik und Vorbericht: Kontakt zum „Wildtier“
• direkter Erregernachweis mittels PCR: EDTA-Blut, Abstrich, Lymphknoten, Milz
• pathologische Untersuchung
Therapiekeine, Tötung !
Prophylaxe• hohe Tenazität (0 – 10 °C: Wochen, < 0 °C: Monate)
• leicht abzutöten mit bakteriziden Desinfektionsmitteln (RKI-, VAH-Liste)
• in Europa ist kein Impfstoff zugelassen


Infektionen mit respiratorischen Symptomen
Respiratorische Symptome, wie Niesen, Husten, Nasen- und Augenausfluss und v.a. Dyspnoe, entstehen bei Störungen im oberen und/oder unteren Respirationstrakt und entzündlichen Veränderungen im nicht-respiratorischen Bereich, die den Gasaustausch beeinträchtigen. Die Ursachen sind vielfältig. Neben kardiologischen, traumatischen, degenerativen und/oder neoplastischen Veränderungen sind Infektionen ursächlich am häufigsten.

Kaninchenschnupfen (Rhinitis contagiosa cuniculi)

Schnupfen bei Kaninchen zählt zu den häufigsten Vorstellungsgründen in der Praxis. Unter „Kaninchenschnupfen“ versteht man eine weltweit verbreitete, altersunabhängige, vorwiegend bakterielle Mischinfektion in den oberen und teilweise unteren Atemwegen. Viele Kaninchen sind asymptomatische Träger. In Phasen von Immunsuppression, ausgelöst durch Stress oder andere Grundkrankheiten, kann es zur klinischen Manifestation kommen. Neben Änderungen in der Haltung und unzureichenden Haltungsbedingungen können auch rassebedingte Faktoren, wie Kurzköpfigkeit, zu einer erhöhten Inzidenz führen [6]. Pasteurella (P.) multocida und Bordetella (B.) bronchiseptica zum Beispiel gelten als Miterreger des Kaninchenschnupfens, sind aber ebenso wie Mykoplasmen [7, 8] v.a. auch im oberen Respirationstrakt von gesunden Kaninchen zu finden [16]. Infektionen mit P. multocida führen klassischerweise zu Rhinitis mit mukopurulentem Nasenausfluss, können sich aber auch in Otitis, Konjunktivitis, Pneumonie, Abszessen, Genitalinfektionen und Septikämien äußern [9]. Aufgrund des weiten Wirtsspektrums wird sowohl P. multocida als auch B. bronchiseptica ein gewisses zoonotisches Potential zugesprochen und somit ein gewisses Risiko für immunsupprimierte Menschen oder Kinder [10, 11].

Tabelle 2: Steckbrief Kaninchenschnupfen [6 – 7, 12 – 13]

KaninchenschnupfenDaten und Fakten
Erregervielfältig, je nach Bestand und Haltung:
• Hein et al. 2021: 32 % Pasteurellaceae, 28 % Enterobacteriaceae, 13 % Pseudomonaceae,
12 % Staphylococcaceae [12]
• Villa et al. 2001: 43 % Mycoplasma spp., 39 % Bordetella bronchiseptica, 14 % Pasteurella
multocida, 14 % Chlamydia spp., 10 % Staphylococcus aureus, 6 % Escherichia coli [7]
• Rougier et al. 2006: 55 % Pasteurella multocida, 52 % Bordetella bronchiseptica,
28 % Pseudomonas spp., 17 % Staphylococcus spp. [13]
Ansteckung• oronasal, aerogen
Ausscheidung• respiratorische Sekrete
Klinik• ein- oder beidseitiger nasaler Stridor; Niesen; wässriger, später mukopurulenter Nasenausfluss;
verklebte Vorderläufe; mehr oder weniger starke Dyspnoe
• Abflussstörungen und aufsteigende Infektionen  Konjunktivitis, Otitis media/interna
z.T. mit Vestibularsyndrom [14]; Enzephalitis
• schwere Verläufe  Pneumonie und Sepsis
Verlauf• je nach Erreger mild bis schwer
Diagnose• Nasenspülprobe
- aus den tiefen Anteilen der oberen Atemwege (um Kontamination mit Darm-/
Umgebungskeimen zu vermeiden)
- Nasenspiegel mit alkoholgetränktem Tupfer reinigen
- Spülprobenentnahme mit physiologischer Kochsalzlösung mittels 2- bis 3-ml-Spritze und
aufgesetzter Braunüle
- Tränen-Nasen-Kanal-Spülprobe bei Dacryocystitis
• bakteriologische Untersuchung: Spülprobe/Tupfer in Röhrchen mit Medium
• PCR (Mycoplasmen spp.): Spülprobe in sterilem Schraubröhrchen ohne Medium
Therapie• nach Erreger/Antibiogramm, Mukolyse, Immunstimulation
Prophylaxe• Optimierung von Haltung und Haltungsbedingungen (zu trockene Luft durch Heizungswärme
im Winter, Zugluft, mangelnde Hygiene) [6]


Infektionen mit gastrointestinalen Symptomen
Durchfall stellt beim Kaninchen ein häufiges Problem dar. Oftmals handelt es sich neben diätischen Ursachen um Infektionen mit Endoparasiten. Neben Anamnese und klinischer Untersuchung ist die Kotuntersuchung unerlässlich zur Aufarbeitung!

Kokzidiose
Die Kokzidiose ist eine durch Protozoen bedingte Infektion, die v.a. bei Jungtieren zum Teil mit hohen Mortalitätsraten einhergeht (s. Tab. 3).

Tabelle 3: Steckbrief Kokzidiose [15, 16]

KokzidioseDaten und Fakten
Erreger• Gattung Eimeria (E.), Protozoen
• Darmkokzidiose: über 25 verschiedene Eimeria-Arten, v.a. E. intestinalis, E. magna,
E. media, E. perforans [15, 16]
• Leber-/Gallengangskokzidiose: Eimeria stiedai
• wirtsspezifische und unspezifische Arten
Ansteckung• perorale Aufnahme der Oozysten (kontaminiertes Wasser, Futter)
Ausscheidung• enteral (intrazelluläre Vermehrung in Darmschleimhaut)
• Adulte oft monatelange Dauerausscheider
Klinik• Darmkokzidiose: v.a. Caecumtympanie; wässriger, übelriechender Durchfall; Inappetenz;
Apathie [15]
• Gallengangskokzidiose: Hepatopathie, Abgeschlagenheit, reduzierte Futteraufnahme,
Durchfall oder Verstopfung, Aszites, Ikterus
Verlauf• seuchenhaft, hohe Mortalität (v.a. Jungtiere), abhängig von Infektionsdosis, Pathogenität
und individueller Konstitution
Diagnose• Kotuntersuchung: mikroskopisch (nativ, Flotation)
Therapie• Sulfonamide, Toltrazuril (nicht für Kleinsäuger zugelassen)
Prophylaxe• Oozysten bleiben nach Sporulation in Außenwelt monatelang infektiös
• wiederholte gründliche Reinigung und Desinfektion der Umgebung [6]


Helminthosen
Wurmbefall kommt beim Kaninchen mitunter vor. Von Relevanz für Kaninchen sind vor allem Nematoden (Rund-/Fadenwürmer) (s. Tab. 4). Selten bei Wildkaninchen und noch viel seltener bei Hauskaninchen sind Zestoden. Ein Nachweis erfolgt durch mikroskopische Kotuntersuchung nativ und nach Flotation – bei Verdacht auf Trematodenlarven auch nach Sedimentation.

Fazit
Infektionskrankheiten beim Kaninchen spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Mit dem Wissen über mögliche Erreger und entsprechende Nachweise kann die Diagnose zeitnah gestellt und optimal therapiert werden.

Tabelle 4: Steckbrief Helminthosen des Kaninchens [15]

HelminthoseDaten und Fakten
NematodenPassalurus ambiguus („Pfriemenschwänze“, Oxyuridose)
• häufig, parasitieren v.a. im Caecum
• Larven schlüpfen noch im Enddarm und sind dann am Anus und/oder auf dem Kot zu sehen
• Symptome erst bei hgr. Befall (meist asymptomatisch)
• Diagnose: Tesa-Abklatsch vom Anus, Eier im Kot (nativ, Flotation)
Graphidium strigosum (Magenwurm),
Trichostrongylus retortaeformis
Strongyloides spp., Trichuris leporis
• selten, v.a. Jungtiere bei Fütterung von kontaminiertem Grünfutter
• Symptome: Apathie, Inappetenz, Enteritiden, schleimig-wässriger Durchfall, Kachexie,
subakute bis chronische katarrhalische Darmentzündung bei massivem Befall
• Diagnose: Flotation
ZestodenAnaplocephalidae
• selten beim Wildkaninchen, sehr selten beim Hauskaninchen
• Zwischenwirt: Moosmilbe, Hornmilbe, die mit dem Grünfutter aufgenommen wird
• Symptome Jungtiere: katarrhalische Enteritis mit Diarrhöe, Kachexie, Entwicklungsstörungen,
Obstipation bei hgr. Befall
• Diagnose: Flotation
TrematodenFasciola hepatica (Großer Leberegel),
Dicrocoelium dendriticum (Lanzettegel)
• Rarität, meist ohne Bedeutung
• Infektion durch mit Metazerkarien kontaminiertes Grünfutter oder infizierte Ameisen
• Symptome Großer Leberegel: Hepatitiden, Cholangitiden, Inappetenz, Kachexie, Ikterus,
Ödembildung
• Symptome Lanzettegel: unbemerkt, keine klinischen Anzeichen
• Diagnose: kombiniertes Sedimentations-Flotations-Verfahren, meist Sektionsbefund


Jana Liebscher, Dr. Jutta Hein
Literatur: Das Literaturverzeichnis erhalten Sie gerne auf Anfrage.

 

 

07 / 2021

LABOKLIN Aktuell

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